Der Einzug des Hunds

Ich stehe mitten in der Migros und betätige zur Kontrolle ein letztes mal die Abspieltaste von meinem Diktiergerät. Ich frage mich ob ich alles im Einkaufskorb habe was mir von meiner Familie aufgetragen wurde. „Schokolade, braun!“ höre ich die Stimme von meinem Sohn ab dem Band. Das hat er clever eingefädelt, so sichert er sich jeweils seinen Schoggivorrat. Für mich ist das der letzte Auftrag den ich noch erfüllen muss. Als ich beim Schokoladen-Regal um die Ecke biege, erblicke ich einen Hund, der gerade eine Schachtel Kirschstängeli in seiner umgehängten Tasche verschwinden lässt. Ein Hund der Schokolade klaut? Ich muss wohl halluzinieren.

„Hallo Mensch, willkommen im kleinen Schokoladen-Paradies!“ höre ich den Hund sagen.  „Braucht der Mensch Hilfe?“ Ich frage mich, ob nicht nur meine Sehkraft mich langsam aber sicher im Stich lässt. Offensichtlich sind meine Hirnwindungen durcheinander gekommen. Ein sprechender Hund? Ich starre den Hund mit offenem Mund an. „Haaaaaallo? Welche Schokolade braucht der Mensch?“ hakt der Hund nach. Bevor ich mir Gedanken machen kann wieso ich mit einem Hund spreche, erwidere ich reflexartig: „Kinderschokolade ohne Schnaps!“ Ich versuche gleichzeitig immer noch verzweifelt herauszufinden, ob ich träume oder wach bin.

Meine Aussage scheint den Hund zu amüsieren. „Mensch, du bist ja witzig!“ grinsend schnappt sich der Hund eine braune Schokolade aus dem Regal.  „Natürlich bin ich witzig! Aber halt nur wenn ich mit Hunden spreche.“ kontere ich, jetzt auch mit einem Grinsen im Gesicht. „Naja, dann hoffe ich mal es waren nicht viele die sich deinem Humor antun mussten!“, zischt der Hund zurück. „Wenn ich nur die Hunde mit umgehängten Taschen berücksichtige, bis Du tatsächlich der Einzige!“ erwidere ich lachend. „Was hast du eigentlich sonst noch in  dieser Tasche ausser der geklauten Schachtel Kirschstängeli?“ Der Hund lächelt milde und sagt: „Alles was Hund für den Einzug bei dir benötigt!“ Wie bitte?!? Ich traue meinen Ohren nicht und schüttle erbost den Kopf. Aber das milde Lächeln im Gesicht des Hundes wird nur noch breiter. Mit ruhiger Stimme säuselt er:  „Naja, es ist ja wohl offensichtlich, dass die Sehkraft des Menschen nicht mehr ausreicht, um allein einkaufen zu gehen. Deshalb ist der Mensch auf die Hilfe eines treuen Vierbeiners angewiesen!“

Das ist ja wohl Ansichtssache, mein Guter!, antworte ich empört. Ich habe heute schliesslich alles selber gefunden!“  Der Hund verdreht vielsagend die Augen. „Na klar, ich habe gerade eine Kostprobe davon bekommen! So du Komiker, ich wäre dankbar, wenn wir einen Abflug machen könnten! Schau mal unauffällig nach links!“ Ich mache was der Hund sagt. „Kannst Du den kleinen, dicken Mann mit der Stirnglatze und dem grimmigen Blick erkennen?“ Ich nicke langsam. „Das ist der Filialleiter!“ Jetzt flüstert der Hund. Auch ich flüstere: „Ja und? Das ist kaum mein Problem!“ Der Hund klingt schnippisch: „Und ob das dein Problem ist. Oder was denkst Du, was hier gleich los ist wenn ich Dir nachlaufe und bei der Kasse der Alarm losgeht, weil die Schachtel Kirschstängeli in meiner Tasche nicht auf dem Förderband der Kasse liegt?“ Ich überlege. „Damit kommst Du nicht durch!“ rufe ich empört. „Du bist mir zugelaufen und überhaupt habe ich gar kein Führgeschirr, geschweige eine Leine.“

„Ach Mensch! Los, komm jetzt.“ seufzend, dreht sich der Hund von mir weg, die Leine beginnt sich zu spannen und zielstrebig marschiert er mit mir Richtung Kasse.

3 Comments on “Der Einzug des Hunds”

  1. Lieber Patrik, ich nenne dich beim Vornamen es ist einfacher und persönlicher
    Besten Dank für die Einblicke in dein nicht einfaches Leben, ich finde du und deine Familie sowie „der Hund“ meistert das vorbildlich. Ihr seid mir in den letzten Wochen so richtig ans Herz gewachsen, zeigt es mir doch das man etwas erreichen oder verändern kann, wenn man es selbst an die Hand nimmt. Wenn ihr Hilfe oder Unterstützung braucht, bin ich gerne bereit diese zur Verfügung zu stellen auch wenn ich im Beitrag gesehen habe das ihr ein tolles Umfeld habt. Weiterhin freue ich mich auf deine Kurzgeschichten und wünsche euch alles Gute im Alltag.
    Liebe Grüsse
    Ursi Vontobel

    1. Liebe Ursi
      Vielen Dank für Deine Nachricht. Deine Zeilen haben uns sehr gefreut. Ich hab mal ein Zitat gehört, welches mir sehr gefallen hat, und ich seither für mich etwas in Anspruch nehme. «Wenn Du veränderung forderst, dann verändere Dich selbst, denn nur wenn Du Dich veränderst, verändert sich Dein Umfeld vielleicht mit!» Dies versuche ich zumindest in meinenm Altag umzusetzen. Und ja, natürlich gelingt es mir auch nicht immer…
      Wir dürfen wirklich auf ein tolles Umfeld zählen, welches uns in den verschiedensten Dingen tatkräftig unterstützt. Dies schätzen wir auch sehr.
      Ich wünsche Dir weiterhin viel Spass mit den Kurzgeschichten und wer weiss, vielleicht lernen wir uns mal persönlich kennen? Mich würde es auf jedenfall freuen.
      Ich wünsche Dir eine gute Woche und natürlich auch alles Gute.
      Lieber Gruss
      Patrik, Familie und «der Hund»

  2. Hallo Patrick, habe soeben Deine Story nachgelesen und mich wieder ganz köstlich amüsiert. Noch spezieller ist ja, dass ich Euch kenne in ich dann immer den Hund wirklich vor mir sehe und mir den Gesichtsausdruck vorstellen kann. Ich wünsche Dir und Deiner Familie ganz schöne Ferien und hoffe, dass die Geschichte nachher weitergeht. Herzliche Grüsse
    Therese

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